Haben wir ein Recht auf Zorn?

Haben wir ein Recht auf Zorn?

Drei Lektionen von Gott

Auftrag erfüllt, Ninive verschont, Ende gut – alles gut. Wenn man das Buch Jona liest, könnte man denken, dass die Geschichte mit Kapitel 3 eigentlich gut abgeschlossen sein könnte. Trotzdem gibt es aus gutem Grund noch Kapitel 4, da Gott neben der Rettung Ninives noch etwas anderes im Sinn hat.

Statt widerwilligen Gehorsams, will Gott Jonas Herz verändern. Deshalb nimmt Er ihn in Jona 4 in die „Schule der Barmherzigkeit“.

Das aber missfiel Jona sehr, und er wurde zornig. Und Jona betete zum HERRN und sprach: „Ach, HERR, ist’s nicht das, was ich mir sagte, als ich noch in meinem Land war, dem ich auch durch die Flucht nach Tarsis zuvorkommen wollte? Denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und von großer Gnade, und das Unheil reut dich! Und nun, HERR, nimm doch meine Seele von mir; denn es ist besser, ich sterbe, als dass ich lebe!“

Da sprach der HERR: „Ist es recht, dass du so zornig bist?“

Jona 4,1-4

Lektion 1: Menschliche Unbarmherzigkeit

In Jona 3,10 erfahren wir von der Gnade, die Gott den Menschen in Ninive gewährt. Während die Freude der Einwohner riesengroß gewesen sein muss, ist Jona voller Zorn über dieses Handeln. Dabei scheut er sich nicht diesen Zorn auch Gott gegenüber zum Ausdruck zu bringen.

An dieser Stelle werden auch die Beweggründe für seine Auftragsverweigerung und Flucht nach Tarsis offenbar. Jona kannte den „gnädigen und barmherzigen“ Gott zu gut (vgl. 2Mo 34,6f) und hat bereits geahnt, dass Gott Ninive nicht einfach ohne jede Gnade vernichten wird. Im Wesentlichen waren es drei Gründe, die Jona zu dieser Unbarmherzigkeit führten:

Zum Einen war Ninive eine zentrale Stadt der Assyrer, die damals die größten Feinde Israels bildeten. Dazu kam, dass sie Heiden waren, die in jüdischen Augen als gottlose Menschen anzusehen waren. Und drittens würde der in Israel vorher beliebte Prophet Jona (vgl. 2Kön 14,25f) von seinen eigenen Volksgenossen große Verachtung empfangen, wenn er ihnen von Gottes Gnade durch seine Prophezeiung berichtet.

Das führt ihn zu einem derartigen Zorn, der sogar zum Todeswunsch führt. Menschlich gesehen ist seine Reaktion nachvollziehbar, aber umso interessanter ist Gottes Frage in Vers 4, ob dieser auch berechtigt sei.

Hierauf ging Jona zur Stadt hinaus und ließ sich östlich von der Stadt nieder und machte sich dort eine Hütte und saß unter ihrem Schatten, bis er sähe, wie es der Stadt ergehen würde. Da entsandte Gott, der HERR, eine Rizinusstaude, die wuchs über Jona empor, um seinem Haupt Schatten zu spenden und ihn von seiner üblen Laune zu befreien; und Jona freute sich sehr über den Rizinus.

Da entsandte Gott einen Wurm, als die Morgenröte am anderen Morgen aufstieg; der stach den Rizinus, sodass er verdorrte. Und es geschah, als die Sonne aufging, da entsandte Gott einen heißen Ostwind, und die Sonne stach Jona aufs Haupt, sodass er ganz matt wurde; und er wünschte sich den Tod und sprach:

„Es ist besser, dass ich sterbe, als dass ich am Leben bleibe!“

Da sprach Gott zu Jona: „Ist es recht, dass du so zornig bist wegen des Rizinus?“

Da sprach er: „Ja, ich bin mit Recht zornig bis zum Tod!“

Jona 4,5-9

Lektion 2: Beanspruchte Barmherzigkeit

Statt auf die Frage aus Vers 4 einzugehen, verlässt Jona die Stadt in der Hoffnung, dass Gott Ninive vielleicht doch noch zerstört. Dazu baut er sich eine Hütte, setzt sich darunter und wartet. Während Jona mit Ninive fertig zu sein scheint, ist Gott mit Jona noch nicht am Ende.

Um die Lektion der „beanspruchten Barmherzigkeit“ deutlich zu machen, benutzt Gott Seine Schöpfung, indem Er auf wundersame Weise einen Rizinusstrauch über Jonas Kopf wachsen lässt. Dieser soll ihm Schatten spenden und ihn von seinem Missmut befreien. Gott kümmert sich also ganz offensichtlich um Jona und er genießt voller Freude Gottes Barmherzigkeit.

Die Stimmung kippt zu Beginn des nächsten Tages, als Gott einen Wurm schickt, der den Strauch zerstört. Dazu kommt ein heißer Ostwind, der neben der Hitze sowohl den Strauch ganz kahl werden lässt und die Hütte vermutlich zum Einstürzen bringt. Jetzt prallt die Sonne auf Jonas vom Fischaufenthalt kaputte Haut und er sinkt ermattet nieder.

Auch in dieser Situation reagiert der Prophet zornig und wünscht sich, wie schon zuvor, zu sterben. Gott hingegen stellt, auf der Grundlage der gerade erlebten Situation, erneut die Frage, ob sein Zorn berechtigt sei.

Voller Dreistigkeit antwortet Jona: „Mit Recht bin ich zornig bis zum Tod!Dabei beansprucht Jona ein Recht, das er gar nicht besitzt. Er hat den Rizinusstrauch weder dahin gestellt, noch gehört er ihm und auch wurde ihm nicht lebenslänglicher Riziniusschatten versprochen.

Das Problem besteht darin, dass wir denken, wir hätten einen Anspruch auf die Barmherzigkeit Gottes.

Das Problem besteht demnach darin, dass Jona denkt, er hätte einen Anspruch auf die Barmherzigkeit Gottes. Aber die Wahrheit ist, dass Jona, das Volk Israel und auch wir Gottes Barmherzigkeit genauso wenig verdient haben wie die Menschen in Ninive. Auch wir nehmen Gottes Barmherzigkeit gerne für uns in Anspruch, aber haben keine Barmherzigkeit mit den Menschen in unserem Umfeld.

Da sprach der HERR: „Du hast Mitleid mit dem Rizinus, um den du dich doch nicht bemüht und den du nicht großgezogen hast, der in einer Nacht entstanden und in einer Nacht zugrunde gegangen ist. Und ich sollte kein Mitleid haben mit der großen Stadt Ninive, in der mehr als 120 000 Menschen sind, die ihre rechte Hand nicht von ihrer linken unterscheiden können, dazu so viel Vieh!“

Jona 4,10-11

Lektion 3: Gottes Barmherzigkeit

Diese unverdiente Barmherzigkeit will Gott durch die Rizinuslektion deutlich machen. Während Jona gerne den Rizinus verschont hätte, hat Gott Wichtigeres im Sinn.

Er sah die Menschen in Ninive und war bewegt über sie. Es waren seine Geschöpfe, denen Er seine allgemeine Gnade geschenkt hat (vgl. Mt 5,45) und wie ein Vater jahrelang in sie investiert hat, wenngleich sie nichts von Ihm wissen wollten. In Vers 11 bekommen wir einen Einblick in Gottes Herzschlag, der voll ist von Barmherzigkeit.

Schlussendlich findet Gottes Barmherzigkeit seinen absoluten Höhepunkt in Christus (Tit 3,4-7), da Er uns in Ihm ewig anhaltende Barmherzigkeit schenkt. Das gilt für jeden, der an Jesus als seinen Retter und Herrn glaubt. Er sah auch uns und ist über uns bewegt.

Dabei ist Gottes Barmherzigkeit kein einmaliges Ereignis der Vergangenheit. Voller Geduld und Barmherzigkeit geht Er mit uns den Weg, sodass auch wir zunehmend mehr seine Barmherzigkeit widerspiegeln.

 

Wie sieht das praktisch aus?

Danke Gott für Seine große Barmherzigkeit in Christus und bitte darum, dass du barmherzig wirst, wie auch unser himmlischer Vater barmherzig ist:

 Seid nun barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!

Lukas 6,36

Bete auch besonders um ein verändertes und bereitwilliges Herz, das Gottes Auftrag gerne aus Liebe zu Ihm und den Menschen auslebt. Ganz konkret kannst du dich zum Beispiel aktiv in Barmherzigkeit üben, indem du auf gemiedene Personen zugehst, für aus deiner Sicht schwierige Menschen betest oder jemandem das Evangelium erzählst. Außerdem lohnt es sich, Epheser 2,4-5 auswendig zu lernen und als Motivation für Barmherzigkeit gegenüber Mitmenschen zu gebrauchen.


Dieser Blogartikel ist eine Zusammenfassung der Predigt „Jona — Schule der Barmherzigkeit“ über Jona 4 (08.04.2018) von Daniel Vogelsang. Du kannst sie hier nachhören.